Bern, Sonntagmorgen. Kalt. Mein Sohn und ich sind auf dem Weg zum Bahnhof, um meine Eltern abzuholen, die uns besuchen wollen. Wir freuen uns auf den Familientag. Alles ist vorbereitet.
Auf halber Strecke begegnen uns ein Mann und eine Frau. Sie streiten. Die Frau weint und fleht den Mann an, sie in Ruhe zu lassen. Doch dieser denkt nicht daran, beschimpft sie weiter und packt sie immer wieder am Arm. Die Frau bittet Passanten um Hilfe, doch keiner kümmert sich. Nur ich bleibe stehen – meinen 5-jährigen Sohn an der Hand. In so einer Situation kann man doch nicht einfach weiterlaufen. Ich sage nichts, doch alleine mein Blick reicht aus, um die Aufmerksamkeit des mittlerweile in Rage geratenen Mannes auf mich zu ziehen. Mit hochrotem Kopf und herausstehenden Pupillen schreit er: „Hast du ein Problem, du… „ und dann folgen Worte, die ich allen ersparen möchte. Ich denke an meinen Sohn und sage: „Nein, kein Problem, alles in Ordnung.“ Der Mann versetzt seiner Begleiterin noch einen heftigen Fusstritt in die Beine. Daraufhin kommt er schnaubend auf uns zu. Die Frau nutzt diesen Augenblick, um zu flüchten. Doch mein Problem ist noch nicht gelöst. Wir drehen uns um und setzen uns in Bewegung – langsam. Er läuft uns hinterher und beschimpft mich aufs Wüsteste. Ich sage zu meinem Sohn, der mittlerweile angefangen hat, zu weinen, dass alles in Ordnung sei und er keine Angst zu haben brauche. Am Fussgängerstreifen holt er uns ein und setzt seine verbalen Attacken fort. Irgend etwas ist da in seinen wässrigen Augen. Ob die Spuren von Alkohol oder anderen Drogen, weiss ich nicht. Jedenfalls geht mir blitzartig die Geschichte von tobenden Crack-Junkies durch den Kopf, die nicht einmal von mehreren bewaffneten Polizisten gebändigt werden konnten, weil die Süchtigen keine Schmerzen mehr verspürten.
Ich sage dem Mann, dass er ruhig bleiben soll und wir gehen weiter. Noch ca. 100 Meter läuft er uns hinterher – schreit und beschimpft mich. Ich reagiere nicht, obowohl ich nicht sicher bin, ob er mich plötzlich von hinten anspringt. Dann lässt er endlich von uns ab.
Drei Punkte beelenden mich an diesem Erlebnis besonders:
Was ist eigentlich mit den Leuten los? Warum hält niemand an, wenn eine Frau auf offener Strasse attackiert wird? Mindestens 5 Personen haben das Treiben gesehen und sind einfach weitergegangen.
Warum ist niemand eingeschritten, als mein Sohn und ich als Blitzableiter für diesen unkontrollierbaren Wüterich herhalten mussten. Mindestens 20 bis 30 Personen hätten eingreifen können. Keiner hat es getan.
Die gegen mich gerichteten Beschimpfungen, die mein Sohn mit anhören musste, waren unter aller Kanone. Ich hätte ihm eine solche Szene nur allzu gern erspart.
So ehrlich muss ich sein: Wäre ich alleine unterwegs gewesen, hätte ich wahrscheinlich körperliche Gewalt angewendet – die einzige Sprache, die der Mann in diesem Moment verstanden hätte. Wie es dann ausgegangen wäre, bleibt dahingestellt – mit grosser Wahrscheinlichkeit aber ziemlich unschön.
Die Sache hatte aber trotz allem auch ein paar positive Aspekte:
Die Frau konnte sich in Sicherheit bringen.
Niemand wurde verletzt.
Meine wortlose Deeskalationsstrategie war letztendlich erfolgreich und ich bin nach wie vor davon überzeugt, das Richtige getan zu haben. Ob ich es nächstes Mal nochmals tun würde, wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin, weiss ich allerdings ehrlich gesagt nicht . Das Ganze war halt einfach schon verdammt unangenehm. Und genau dort sind wir beim Kern des Problems. Die Zivilcourage scheint auf einem absoluten Nullpunkt angekommen zu sein. Hier muss etwas unternommen werden – und zwar schnell.
Wäre ich verantwortlich dafür, eine Kampagne zur Steigerung der Zivilcourage zu konzipieren würde ich in etwa so vorgehen:
In ihrem bemerkenswerten Buch „Switch – how to change things“ sprechen die Gebrüder Chip und Dan Heath einen interessanten Aspekt an. Sie sagen, wenn sich tatsächlich etwas verändern soll, muss man sich auf so genannte „bright spots“ konzentrieren – also auf Elemente innerhalb eines Prozesses, die bereits gut funktionieren. Diese Elemente gilt es dann, konsequent zu fördern und umzusetzen.
Im vorliegenden Fall wären dies Situationen, in denen Zivilcourage bereits erfolgreich war. Diese Situationen müsste man dann genau untersuchen, um herauszufinden, was die Erfolgsfaktoren waren – zum Beispiel: Welche Werthaltungen haben jene Personen, die selbstlos eingeschritten sind? Was dachten sie in diesem Moment? Dachten sie überhaupt an etwas? Wie sind sie aufgewachsen? Was machen sie beruflich? Haben sie Familie oder sind sie eher alleinstehend? Sind sie gross und stark oder etwa doch nicht? Und, und, und.
Ich bin sicher, dass im Rahmen einer solchen Untersuchung sehr viele sehr wertvolle Informationen ans Tageslicht kämen. In einem nächsten Schritt würde ich ein packendes, strategisches Ziel definieren und die gewonnen Informationen – angereichert mit einer umfassenden Situationsanalyse – in geeignete Kommunikationsinstrumente überführen. Das wäre vielleicht ein Programm für Schulen, ein Trainingsprogramm für Erwachsene, die Gründung eines Vereins, Viralspots, eine Wanderausstellung, Studien, griffige Kleininserate, Opfer-Geschichten, Leserbrief-Aktionen oder sonst irgend etwas – je nachdem, was nach einem pragmatischen Test am besten funktionieren würde.
Es gibt bereits umfangreiches Forschungsmaterial in Sachen Zivilcourage. Wenn es mein sehr begrenztes Zeitbudget zulässt, werde ich mich der Sache mal annehmen.
